Samstag, 3. Januar 2026

Marktplatztreiben vom 27. Mai - Teil 1

Es begann – wie so oft – mit einem Schrei.

Ich war gerade dabei, gemütlich den Marktplatz zu überqueren, als Frekya, die Novizin der Schamanen, plötzlich aufkreischte, als hätte jemand ihr das Seelenheil geklaut. Noch bevor ich wusste, was eigentlich los war, hatte meine Hand schon einen der Frösche vom Tisch geschnappt und zurückgeworfen. Reine Selbstverteidigung. 

Platsch! Der Treffer saß. Leider auf ihrer Stirn. „Menno! Wieso werft Ihr Frösche nach mir?“ Ich hüstelte etwas:. „Verteidigung. War so ein Reflex.“ Sie zog eine Schnute, und ich spürte, wie mein Ruf als Meister der Magie wieder ein kleines Stück weiter in Richtung Marktplatzclown rutschte.

„Ich dachte, es wäre diese Niffelchen!“, rief sie empört. Niffelchen. Der Spitzname, den man in Carima der Dämonin Nichneven gegeben hatte. Ein Name, der klingt, als würde man über ein Plüschtier sprechen, nicht über eine uralte Bedrohung. 

Ich atmete tief durch und erklärte ruhig: „Und diese "Niffelchen" würde Euch sicher nur ärgern. Wenn sie etwas im Sinn hat, dann macht sie das im Geheimen und weidet sich daran, wie Ihr Euch ärgert, wenn Ihr dann darauf trefft. Also so spontan ein Angriff passiert eher selten.“

In dem Moment rief jemand hinter mir „Buuuh!“ Ein weiterer Schrei von Frekya, diesmal mit magischer Untermalung – und ehe ich mich versah, zischte ein Blitz in meine Richtung. Ich griff nach dem erstbesten Gegenstand: einem Tablett. Sprang hoch. Drehte es instinktiv. 

Zisch–pling! Der Blitz prallte ab, schlug irgendwo hinter mir ein. Wenn es in der Zukunft einmal eine Sportart namens Tennis geben sollte, dann wäre sie wahrscheinlich auf mich zurückzuführen gewesen. „Ach, Ihr seid es bloß, Kuchenfrau“, rief Frekya erleichtert, als sie die unschuldige Elamanu erkannte, die sie beinahe zu Asche gebrutzelt hätte. Ich ließ das Tablett sinken, noch leicht dampfend.


„Die Niffelchen war gestern hier“, erklärte die Schamanennovizin Frekya dann, als wäre das eine Kleinigkeit. Ich starrte sie an. „Wie bitte? Und das sagt Ihr mir erst jetzt?! War sie am Baum? Hat sie was gesucht? Hat sie Euch etwas getan?“ Keine Antwort. Ich rede gern mit Menschen, aber manchmal habe ich das Gefühl, sie testen meinen Geduldsfaden auf Reißfestigkeit.

Gerade, als ich Luft holen wollte, kam Blue über den Platz. „Guten Abend“, sagte sie ruhig, als wäre hier nichts weiter geschehen, und winkte uns zu. Frekya, immer noch leicht rußgeschminkt, lächelte schwach. „Kala Blue.“ Ich nickte ebenfalls, innerlich schwörend, beim nächsten Treffen lieber mit Schutzzaubern als mit Tabletts zu arbeiten.

Ich winkte Blue kurz zu, die gerade am Rand des Platzes auftauchte, und wartete auf Frekyas Roman nach meiner Fragenlöcherei. „Sie war ganz freundlich – so komisch freundlich“, sagte Frekya schließlich. „Ihr habt sie erkannt? Oder vielleicht doch verwechselt?“ hakte ich nach. „Nein, ich habe sie ja schon auf der Audienz mal gesehen und wollte ihr Augentropfen schenken wegen der roten Augen. Sie war es, hat sich ja auch vorgestellt.“, „Verstehe.“ murmelte ich leise.

„Blue und Ela haben sie auch gesehen und der Gildenmeister Sir Levi“, sagte sie überzeugt. „Was hab ich gesehen, Frekya?“ fragte Blue und schaute verwirrt. Frekya schüttelte den Kopf. „Aber es war ganz sicher Niffelchen.“,„Ach … er war auch hier?“ fragte ich. „Verstehe. Dann ist es kein Wunder, wenn sie sich zurückhält.“

In dem Moment erklang hinter uns eine Stimme. „Guten Abend.“ Sir Levi war erschienen. „IIIIIKKKKK!“ kreischte Frekya. „Oh je oh weh, wir werden alle sterben!“ Ich hielt vorsichtshalber wieder das Tablett bereit, falls noch ein Blitz folgen sollte. „Was ist hier los? Was soll das Geschrei?“, meinte Sir Levi ruhig. Blue blickte erschrocken umher, ich gab nur ein leises Brummen von mir und ich legte das Tablett zurück. Sir Levi sah sich um, sichtlich genervt vom Lärm. „Was ist hier los? Was soll das Geschrei?“ 

Ich deutete mit einer kleinen Handbewegung auf die Runde. „Also bekomme ich jetzt eine kleine Zusammenfassung? Nichneven war wieder da, hat aber nichts gemacht?“, „Genau! Niffelchen war hier, hab ich doch gesagt!“, rief Frekya sofort. Blue nickte. „Ja, die habe ich auch gesehen.“ Sir Levi verschränkte die Arme. „Die hat wieder ihr übliches ‘Ich bin ganz arm dran’-Geschichte erzählt.“

„Ja, mit dem kleinen Nebensatz … die junge Dame hier hat sie auch noch geärgert …“, ergänzte ich und deutete auf Frekya. „Ich hab sie nicht geärgert, nur gepiekst!“, verteidigte sich die Novizin. „Ich dachte, vielleicht platzt sie ja.“ Ich rieb mir die Stirn. „Und wie hat sie es aufgenommen?“ Sir Levi antwortete ruhig: „Sie hat, weil so viele am Markt waren, keine krummen Dinger gemacht. Nur etwas dezent gegen Frekya gestichelt.“

„Aha“, sagte ich. „Wie ich vorher sagte: Sie macht nur schlimme Sachen, wenn sie sauer ist.“, „Begeistert war sie nicht“, fuhr Levi fort. „Sie ist dann auf einmal wieder ihrer Wege gegangen und verschwand Richtung Atelier.“ Ich blinzelte. „Was … schon wieder?“ Levi zeigte in die Richtung. „Also die Richtung.“ Frekya schaute dabei demonstrativ unschuldig drein. Ich murmelte etwas von „vorbereiten“ und kratzte mir nachdenklich den Hals.

„Aber sie hat nicht da an der Eiche hinterm Stand geschnüffelt oder so?“ hakte ich vorsichtig nach. „Das habe ich nicht gesehen“, sagte Levi. „Wir sind da was trinken gegangen.“ Blue sah mich fragend an. „Warum sollte sie an der Eiche schnüffeln?“ „Aber als ich in der Nacht nochmals nachgeschaut habe, war alles in Ordnung“, schloss Levi ab.

Ich hatte zuvor ein geheimnisvolles Buch an der Eiche gefunden, und wie es schien, war dieses Buch sehr alt und sehr gefährlich. Wie es dorthin gelangt war, wusste ich nicht. Aber die magischen Rückstände erklärten einiges. Vielleicht war Nichneven auf der Suche nach genau diesem Buch?


Sonntag, 19. Oktober 2025

Die Untersuchung der rätselhaften Brandspuren - 23. Mai

Es war einer jener Morgen, an denen selbst die Sonne nur zögerlich über Carima kroch – als wüsste sie, dass sie besser im Nebel geblieben wäre. Ich war gerade im Begriff, meine Notizen zur letzten Audienz zu ordnen, als Canidio mich rief. „Komm mal mit. Da sind noch mehr Spuren.“

Ich ahnte, dass dieser Satz kein gutes Omen war. Die Brandspuren, die wir an der Taverne entdeckt hatten, schienen sich nun quer durch die Stadt zu ziehen – vom Schamanenstand über den Abort (eine Stelle, die man im Dienst der Erkenntnis nur mit zusammengebissenen Zähnen aufsucht) bis hin zum Atelier.

„Das muss ich mir anschauen“, sagte ich, und griff nach meinem Hämmerchen. „Sir Levi meinte, im Schloss gäbe es auch welche“, warf Canidio ein. Und tatsächlich – kaum hatten wir die Schlossküche erreicht, fanden wir sie: ein geschmolzener Steinboden mit Fußabdrücken und feinen Wüstensand.

„Wieso ausgerechnet an der Küche?“ fragte ich. Canidio zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, weil unser Gildemeister hier öfter aus- und eingeht?“ Ich schwieg. Manchmal ist das Schweigen die höflichste Form des Verdachts. 

Dann entdeckten wir die nächste Spur – direkt vor der Schreibstube der Hoheiten. Ich beugte mich hinab, runzelte die Stirn und flüsterte: „Das ist die Schreibstube der Herzogin. Was hat sie hier vor?“

Canidio nickte. „Sollen wir es Jil sagen? Ich überlegte. „Wenn sie die ganze Wahrheit erfährt und Nichneven das spitzkriegt ... dann haben wir zwei Probleme.“ Wir beschlossen, zu schweigen. Vorerst.

Später am Nachmittag zog es mich – wie jede gute Spur – wieder zum Markt. Frekya stand dort, sichtlich aufgeregt, und deutete wild auf den Boden. „Kala Elyion, seht hier – komische Spuren!“ Ich kniete mich hin, zückte Meißel und Hämmerchen, pling pling! – kleine Splitter lösten sich vom Pflaster. Die Spuren waren frisch, eindeutig. Nicht zufällig, etwas sehr heißes hatte den Stein geschmolzen. 

„Zum Glück fehlt nichts am Stand“, sagte Frekya erleichtert. „Noch nicht“, entgegnete ich trocken. „Aber die Richtung gefällt mir nicht.“ Ich nahm etwas Sand, roch daran – ein Hauch von Trockenheit, wie er nur aus heißen Gegenden stammt. „Habt Ihr in Amazonien Wüsten?“, fragte ich beiläufig.
„Nur Strand und Moor. Und ich war’s nicht!“ rief sie sofort.

Ich lächelte. „Natürlich nicht. Aber dass die Spuren direkt vor Eurem Stand liegen – das hat eine Bedeutung. Vielleicht ist jemand hinter Euch her.“ Frekya wurde bleich. „Hinter den Amazonen?!“
„Oder speziell hinter den Schamanen“, murmelte ich.

Daraufhin begann sie hektisch im Kreis zu laufen, murmelte etwas von Unsichtbarkeit und Untergang.
Canidio seufzte und sagte ruhig: „Befolge einfach die Anweisungen deiner Schamanenlehrerin.“

Ich fügte noch hinzu – mehr zu meiner eigenen Belustigung: „Vielleicht solltet Ihr Euren Körpergeruch überdecken. Solche Wesen riechen gut.“ Frekya schnupperte sofort unter ihre Arme. „Ich rieche nichts!“ „Dann seid Ihr in Sicherheit“, sagte ich mit ernster Miene, während Canidio leise hustete, um ihr Lachen zu verbergen.


 
Dem Schamanenlehrling erklärte ich, dass ich die Proben im Atelier untersuchen würde. „Die Spuren sind nämlich auch dort – und am Abort. Vielleicht musste das Monster kurz austreten. Wer weiß.“ Frekya starrte mich entsetzt an. Ich legte ihr die Hand auf die Schulter: „Kopf hoch. Wir werden das schon schaffen.“

Dann wandte ich mich an Canidio. „Komm, wir gehen. Ich will wissen, womit wir es hier wirklich zu tun haben.“ Sie nickte. Frekya rief uns hinterher: „B...b...bis später!“  Wir gingen schweigend zum Atelier zurück. 

Am Abend war ich erneut zurück auf dem Marktplatz, als mir ein paar Bewohner entgegenkamen, sichtlich außer Atem mit einer dieser Regenwolken über dem Kopf. Die Dinger duschten jeden, der an meiner Falle vorbeigelaufen war. Eigentlich bestimmt für den Grünpinkler, der mit seinen Karikaturen auf dem Pflaster immer wieder mal die Leute verhöhnte.

„Da bin ich wieder“, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu den anderen, und schon begrüßten mich die üblichen Stimmen: der Schmied, der sich über die Wolken-Zauberei beklagte, und Frekya, die wieder einmal zwischen Furcht, Faszination und Panik schwankte.


Kaum hatte ich mich umgesehen, da kam Hoheit Elosina über den Platz. Frekya versteckte sich hinter dem Schmied. Ich selbst verneigte mich höflich, wenngleich mir beinahe das Herz aus der Robe sprang. 

Doch ehe man sich versah, brach wieder Chaos aus. Die Waldhüterin – noch feucht von ihrer Wolke – rief um Hilfe, weil eben jene Wolke sie offenbar zwangsgebadet hatte. 


Ich musste lachen, auch wenn ich der Urheber war … versehentlich natürlich. Ich murmelte etwas von einem missglückten Experiment und hoffte, niemand würde genauer nachfragen.


Kurz darauf trottete Sir Primus, der Statthalter, triefend nass auf den Platz. Frekya roch inzwischen wie ein Lavendelfeld und jammerte über ein „Untier“, das hinter uns Schamanen her sei. 


Ich versuchte, den Ernst zu wahren, erklärte, ich hätte Proben der Brandspuren genommen, und versprach Ergebnisse, sobald die Lösung sich verfärben würde – wissenschaftlich natürlich, nicht mystisch.


Doch dann … Schlange! Wieder einmal. Ein hysterisches Durcheinander, Blue schimpfte, Anna rief, Primus seufzte, Frekya stotterte und behauptete, die Schlange sei „nicht gefährlich, die will nur spielen“. 

Ich blieb lieber beim Grill und beobachtete die Szene. Es gab Fleischspieße, und ehrlich gesagt – ich vertraute in diesem Fall gebratenem Tier mehr als lebendem.


Zwischen Käsebrot und Braten ergab sich das übliche Marktspektakel: der Schmied hatte Brandblasen, Frekya schmierte ihm eine Schamanensalbe auf die Hände, die prompt brannte – und alle lachten. 


Selbst die Elbenkönigin zeigte ein mildes Lächeln und Sir Primus meinte nur trocken, er ginge „lieber zur Jungfer zur Behandlung“.

Als sich der Trubel legte, kamen wir endlich wieder auf das eigentliche Thema zurück: die Brandspuren. Ich erklärte, dass sie sich bis ins Schloss zogen – vor die Küche, den Hof, ja sogar bis zur Schreibstube der Herzogin Jil. Das Feuer war heiß genug, um Stein zu schmelzen. Kein gewöhnliches Feuer also.


Ich fragte, was so heiß brennen könne. Frekya jammerte, Anna tippte auf Schießpulver, Hoheit Elosina auf einen Drachen. Ich musste schmunzeln – Drachen mit menschlichen Fußabdrücken? Wohl kaum.

Und so teilte ich meine Vermutung: „Ja, ich habe den Verdacht, weil die Spuren auch bei meinem Atelier sind und dort am Abort. Es gibt eine Person, die ziemlich viel Ärger macht. Sie hatte schon mal dafür gesorgt, dass der Abort jedem den Hintern verbrannte. Das alles um die Schuld mir in die Schuhe zu schieben wegen meinem Chiliwischpapier.“ 

Es konnte sich um niemand Geringeres handeln als Nichneven, die einst als Magierin auftrat und dann ihr wahres Gesicht zeigte. Die alte Dämonin, auch bekannt als Lilith. 


Die Waldhüterin und Blue hatten schon mit ihr zu tun gehabt. Frekya hingegen bekam wieder einmal Panik und verkündete zum gefühlt zwanzigsten Mal: „Wir werden alle sterben!“

Ich rollte mit den Augen. „Nein, Frekya. Wir werden alles schaffen.“ Ich versuchte, sie daran zu erinnern, dass der Gildemeister und Canidio ihr schon einmal die Stirn geboten hatten. 


Und dass man mit ein wenig Mut – und etwas weniger Theatralik – auch diese Bedrohung meistern würde.


Dann ging der Abend in Ruhe über, so wie er begonnen hatte: mit zu viel Gerede, zu vielen Ideen und zu wenig Wein. 


Die Waldhüterin verabschiedete sich, Sir Primus zog sich mit einem finsteren Blick zurück, der Schmied in seine Schmiede, und ich … blieb übrig, wie so oft.


Frekya verschwand schnell hinter einem Fass. Man hörte sie „alles wird gut“ murmeln. Das brachte mich auf eine verrückte Idee: „Vielleicht sollten wir wirklich mal auf Monsterjagd gehen, um ihren Mut zu trainieren. Ich kenne da eine Höhle voller Spinnen … Frekya wird begeistert sein.“ Die Kommandatin war von dem Plan sehr angetan.


Ich aß mein letztes Stück Brot, schloss die Flasche (leer!) und ging nach Hause. Der Tag war lang, der Wein zu schnell alle, und die Erkenntnis blieb: Selbst ein ruhiger Abend in Carima ist selten ruhig – aber immer unterhaltsam.


Montag, 13. Oktober 2025

Schlangenbeschwörung, Froschküsse, arme Elefanten und Drachenfeuer - Audienz vom 21. Mai

Ein Bericht über die Audienz vom 21. Mai 2023 - Schon etwas länger her, aber dennoch genauso interessant wie vor über zwei Jahren. 

Wie jeden Sonntag versammelten sich die Bewohner Carimas zur Audienz bei Herzogin Jil. Die Luft vibrierte zwischen höfischer Disziplin und jener unterschwelligen Erwartung, dass gleich wieder etwas geschehen würde. Ich hätte wetten können, dass Jungfer Blue diesmal wieder im Mittelpunkt stehen würde.

Und tatsächlich – kaum wurde sie aufgerufen, trat sie vor und verströmte jenen Duft, der irgendwo zwischen Rosen und Stinkmorcheln lag. Mit großer Geste verkündete sie, sie wolle Sir Primus für einen Orden vorschlagen.

Der Statthalter röchelte. „Er hat uns todesmutig am Markt vor einer Riesenschlange beschützt! Die war mindestens hundert Meter lang!“, übertrieb die Waldhüterin. Sir Levi murmelte aus der letzten Reihe:
„Irgendwann fällt er am Marktplatz hin und wird für’n Orden vorgeschlagen.“ Herzogin Jil kämpfte tapfer um ihre Fassung – und verlor.

Natürlich stellte sich bald heraus, dass Blues Riesenschlange nur das zahme Haustier der Amazonen war. Lady Susi wurde herbeigerufen, um die Sache aufzuklären. „Die ist vollkommen ungefährlich“, sagte sie gelassen. Susi erklärte, dass sie die Schlange jeden Morgen melken, um ihr Gift für Gegengifte zu entnehmen. „Doch doch, wir können es gerne einmal ausprobieren.“ Der Statthalter als Schlangenmelker? Jedenfalls einen Pokal hat er schon. Fehlt nur noch ein Orden ...

Zwei Jahre zuvor ...

Sir Primus zog daraufhin alle Farben zwischen Scharlach und Kreideweiß durch. „Soll sich doch der Prinz beißen lassen!“ fauchte er. Die Herzogin blieb kühl: „Nun, Primus, wenn Ihr einen Orden bekommen sollt, wäre etwas Heldenmut schon angezeigt.“ Ich schwöre, in diesem Moment sah er aus, als überlege er, ob man einen Orden auch posthum ablehnen kann. Sein berühmter „Heldenmut“ bestand meist nur aus Wegrennen und Mitzerren Beteiligter, die es dann als Beschützerinstinkt auslegten.


Als wäre das nicht genug, hüpfte plötzlich ein Frosch durch den Saal und sprang in Richtung Blue.
Susi fing einen der Ausreißer ein. Die restliche Gesellschaft schwankte zwischen Ekel und Neugier.  

Wenn ich mich noch recht erinnere, war beim großen Markt das Gerücht entstanden, dass unter den Fröschen ein verzauberter Prinz zu finden sei. Ausgelöst durch Susi, die Schamanin: „Sagt eine Krankheit, und ich suche euch das passende Mittel dagegen raus oder küsst einen Frosch, so könnt ihr einen Prinzen bekommen.“ 

Herzogin Jil seufzte und meinte trocken, man solle vielleicht eine Steuer auf das Küssen von Fröschen erheben. Ich konnte sehen, wie einige Anwesende kurz überlegten, ob sie dadurch rückwirkend steuerpflichtig würden.


Blues zweites Anliegen betraf einen Elefanten, den sie für Holzarbeiten „ausleihen“ wollte.
Das Schiff, das groß genug wäre, gehörte ausgerechnet Lola von der Roten Laterne. „Der Bumskutter? Niemals!“, rief Sir Primus entsetzt. Herzogin Jil hob nur eine Braue. Jungfer Blue rechnete mit einer zweiwöchigen, langsamen Reise. Sir Primus konterte jedoch, dass das Tier auf der Überfahrt verenden würde, da das Schiff zwar den Elefanten tragen könne, aber nicht das Futter für die zwei Wochen Überfahrt fassen würde. Diesen Einwand musste die Herzogin gelten lassen. Ihre Hoheit fand, der Plan müsse noch ein wenig überarbeitet werden.

Glücklicherweise hatten die Jungfer und die Herzogin denselben Geistesblitz: Man solle Luba's Freundin, Kapitänin Lisbeth, fragen, deren schnelles Pira... äh... Handelsschiff eventuell aushelfen könnte, um die Reise zu verkürzen. Die Jungfer gelobte, sich darum zu kümmern.

Dann wurde ich aufgerufen. Man hätte am liebsten vorsichtshalber den Teppich beiseite gerollt – man kannte mich. Ich berichtete über die Brandspuren bei der Taverne: geschmolzenes Pflaster, Sand, der nicht von unseren Stränden stammen konnte. „Wüstensand“, erklärte ich und ließ meine Staffelei mit einem satten PLOPP erscheinen. Herzogin Jil zuckte, wie immer: „Magus, Ihr erschreckt mich jedes Mal!“ Ich entschuldigte mich und präsentierte meine Untersuchung.


Der Verdacht lag nahe: Die extremen Brandspuren, die sogar das Pflaster angeschmolzen hatten, deuteten auf echtes Drachenfeuer hin – oder jemand, der es nachahmte. In diesem Moment schwebte Panterain Silberhaar von oben herab, feurig und empört: „Nur Drachenfeuer oder das Bergfeuer (Lava) sind in der Lage, das zu vollbringen!“


Ein kurzer Disput entbrannte, bis die Herzogin mit ihrer typischen Mischung aus Strenge und Güte wieder Ordnung schuf. Dann trat Atalia vor mit der Idee: Vielleicht kein Feuer, sondern Hitze durch Gewicht, Magie – oder beides. Ich musste zugeben: ein kluger Gedanke.

Am Ende beauftragte mich die Herzogin, den Fall weiter zu untersuchen – gemeinsam mit Panterain und Atalia. Ich verneigte mich tief, packte meine Staffelei wieder ein (Puff!) und zog mich zurück.

Hinter mir hörte ich noch jemanden sagen: „Was für ein Untier könnte das sein – schwer und heiß? Primus seine Lola?“ Ich schwöre, das war nicht meine Bemerkung. Aber ich habe sie notiert. Für die Chronik, versteht sich. Und ich hatte da schon jemanden in Verdacht, aber diejenige war weder vom ...ährrrmm „Bumskutter", noch ein übermütiger Drache.

Marktplatztreiben vom 27. Mai - Teil 1

Es begann – wie so oft – mit einem Schrei. Ich war gerade dabei, gemütlich den Marktplatz zu überqueren, als Frekya, die Novizin der Schaman...